Grimm today

Eine alleinstehende Mutter lebte ganz für sich in einem kleinen Häuschen. Vor dem Haus hatte sie einen Garten, in dem zwei Rosensträucher wuchsen; der eine trug weiße, der andere rote Rosen. Die Mutter hatte zwei Töchter, die diesen Sträuchern ähnelten: Die eine hieß Schneeweißchen, die andere Rosenrot.

Die Mädchen waren so anständig und lieb, so fleißig und optimistisch, wie man es sich nur wünschen konnte. Schneeweißchen war dabei die ruhigere und sanftere von beiden. Rosenrot tobte lieber auf den Wiesen und Feldern herum, suchte Blumen und fing Schmetterlinge. Schneeweißchen hingegen blieb zu Hause bei ihrer Mutter, half ihr im Haushalt oder las ihr vor, wenn gerade nichts zu tun war.

Die beiden Kinder mochten sich unheimlich gern und hielten immer Händchen, wenn sie zusammen unterwegs waren. Wenn Schneeweißchen sagte: „Wir bleiben zusammen!“, antwortete Rosenrot: „Ein Leben lang!“, und die Mutter fügte hinzu: „Was die eine hat, teilt sie mit der anderen.“

Oft gingen sie allein im Wald spazieren und sammelten Beeren, aber kein Tier tat ihnen etwas zuleide. Im Gegenteil, die Tiere kamen ganz nah: Der Hase fraß ein Kohlblatt aus ihren Händen, das Reh graste direkt neben ihnen, der Hirsch flitzte fröhlich vorbei, und die Vögel hielten auf den Ästen inne und sangen ihr schönstes Lied.

Niemals passierte ihnen etwas Schlimmes. Wenn sie sich im Wald verliefen und die Nacht hereinbrach, legten sie sich nebeneinander auf das Moos und schliefen, bis der Morgen graute. Die Mutter wusste das und machte sich deshalb keine Sorgen.

Einmal, als sie im Wald übernachtet hatten und vom Sonnenaufgang geweckt wurden, sahen sie neben sich ein wunderschönes Kind in einem strahlend weißen Kleid sitzen. Es stand auf, sah sie freundlich an, sagte aber nichts und verschwand im Wald. Als die Mädchen sich umsahen, merkten sie, dass sie ganz nah an einer tiefen Schlucht geschlafen hatten. Wären sie in der Dunkelheit nur ein paar Schritte weitergegangen, wären sie bestimmt hineingefallen. Die Mutter erklärte ihnen, das müsse der Schutzengel gewesen sein, der brave Kinder beschützt.

Schneeweißchen und Rosenrot hielten das Häuschen der Mutter so sauber, dass es eine Freude war, es anzusehen. Im Sommer kümmerte sich Rosenrot um den Garten und stellte der Mutter jeden Morgen, bevor sie aufwachte, einen Blumenstrauß ans Bett, immer mit einer Rose von jedem Strauch. Im Winter machte Schneeweißchen das Feuer an und hängte den Kessel an den Haken. Der Messingkessel glänzte wie Gold, so gründlich war er geputzt.

Abends, wenn der Schnee fiel, sagte die Mutter: „Los, Schneeweißchen, schieb den Riegel vor!“ Dann setzten sie sich an den Herd. Die Mutter setzte ihre Brille auf und las aus einem dicken Buch vor, und die beiden Mädchen hörten zu, saßen da und spannen Garn. Neben ihnen lag ein Lamm auf dem Boden, und hinter ihnen, auf einer Stange, saß eine weiße Taube mit dem Kopf unter dem Flügel.

Eines Abends, als sie so gemütlich beisammensaßen, klopfte jemand an die Tür, als wollte er hineingelassen werden. Die Mutter sagte: „Schnell, Rosenrot, mach auf! Das wird ein Wanderer sein, der eine Unterkunft sucht.“ Rosenrot ging hin, schob den Riegel weg und dachte, es wäre ein armer Mann. Aber das war es nicht: Es war ein Bär, der seinen dicken schwarzen Kopf zur Tür hereinsteckte. Rosenrot schrie laut auf und sprang zurück, das Lamm blökte, die Taube flatterte auf, und Schneeweißchen versteckte sich hinter dem Bett der Mutter.

Der Bär begann jedoch zu sprechen und sagte: „Habt keine Angst, ich tue euch nichts. Ich bin halb erfroren und will mich nur ein bisschen bei euch aufwärmen.“

„Du armer Bär“, sagte die Mutter, „leg dich ans Feuer, und pass bloß auf, dass dein Fell nicht brennt!“ Dann rief sie: „Schneeweißchen, Rosenrot, kommt hervor! Der Bär tut euch nichts, er ist freundlich.“ Da kamen sie beide herbei, und nach und nach näherten sich auch das Lamm und die Taube, ohne Angst vor ihm.

Der Bär sagte: „Ihr Kinder, klopft mir den Schnee ein wenig aus dem Pelz!“ Sie holten den Besen und bürsteten dem Bären das Fell sauber. Er aber legte sich ans Feuer, brummte ganz zufrieden und entspannt.

Es dauerte nicht lange, da tauten sie auf und trieben Unsinn mit dem tollpatschigen Gast. Sie zerzausten ihm das Fell mit den Händen, setzten ihre kleinen Füße auf seinen Rücken und rollten ihn hin und her. Oder sie nahmen einen Haselstock und hauten auf ihn ein. Wenn er brummte, lachten sie.

Der Bär ließ es sich alles gefallen, nur wenn sie es zu wild trieben, rief er: „Lasst mich leben, ihr Kinder: Schneeweißchen, Rosenrot, Bringst du den Freund um den Verstand.“

Als es Zeit war, ins Bett zu gehen, sagte die Mutter zum Bären: „Du darfst gerne hier am Herd liegen bleiben, so bist du vor der Kälte und dem schlechten Wetter geschützt.“

Sobald es hell wurde, ließen ihn die beiden Kinder hinaus, und er trottete über den Schnee in den Wald. Von da an kam der Bär jeden Abend zur gleichen Zeit, legte sich an den Herd und erlaubte den Kindern, so viel Spaß mit ihm zu haben, wie sie wollten. Sie waren so an ihn gewöhnt, dass die Tür erst abgeschlossen wurde, wenn der schwarze Kumpel angekommen war.

Als der Frühling kam und draußen alles grün war, sagte der Bär eines Morgens zu Schneeweißchen: „Jetzt muss ich gehen und darf den ganzen Sommer nicht wiederkommen.“

„Wohin gehst du denn, lieber Bär?“, fragte Schneeweißchen.

„Ich muss in den Wald und meine Schätze vor den bösen Zwergen in Sicherheit bringen. Im Winter, wenn die Erde hart gefroren ist, müssen sie unten bleiben und können sich nicht durchgraben. Aber jetzt, wo die Sonne die Erde aufgetaut und erwärmt hat, brechen sie durch, kommen nach oben, suchen und stehlen. Was einmal in ihren Händen ist und in ihren Höhlen liegt, das sieht man so schnell nicht wieder im Licht.“

Schneeweißchen war traurig über den Abschied. Als sie ihm die Tür entriegelte und der Bär sich hinauszwängte, blieb er am Türhaken hängen und ein Stück seines Fells riss auf. Schneeweißchen meinte, etwas Goldenes hindurchschimmern zu sehen, aber sie war sich nicht sicher. Der Bär lief eilig davon und war bald hinter den Bäumen verschwunden.

Einige Zeit später schickte die Mutter die Kinder in den Wald, um Reisig zu sammeln. Dort fanden sie einen großen Baum, der gefällt auf dem Boden lag. Am Stamm hüpfte zwischen dem Gras etwas auf und ab, aber sie konnten nicht erkennen, was es war. Als sie näher kamen, sahen sie einen Zwerg mit einem alten, faltigen Gesicht und einem meterlangen schneeweißen Bart. Das Ende des Bartes war in eine Baumspalte eingeklemmt, und der Kleine sprang hin und her wie ein Hund an der Leine und wusste nicht, wie er sich befreien sollte.

Er starrte die Mädchen mit seinen roten, funkelnden Augen an und schrie: „Was steht ihr blöd herum! Könnt ihr nicht helfen?“

„Was hast du angestellt, kleines Männchen?“, fragte Rosenrot.

„Dumme, neugierige Gans!“, antwortete der Zwerg. „Ich wollte den Baum spalten, um Brennholz für die Küche zu haben. Bei den dicken Kloben verbrennt sofort die bisschen Nahrung, die wir Kleinen brauchen, die nicht so viel herunterschlingen wie ihr, grobschlächtiges, gieriges Volk! Ich hatte den Keil schon erfolgreich hineingetrieben, und es wäre alles nach Plan gelaufen, aber das verfluchte Holz war zu glatt und sprang unerwartet heraus, und der Baum fuhr so schnell zusammen, dass ich meinen schönen weißen Bart nicht mehr herausziehen konnte. Jetzt steckt er fest, und ich kann nicht weg. Da lachen die albernen, glatten Milchgesichter! Pfui, wie hässlich ihr seid!“

Die Kinder gaben sich alle Mühe, aber sie konnten den Bart nicht herausziehen, er steckte zu fest. „Ich laufe schnell und hole Leute“, sagte Rosenrot.

„Spinnt ihr!“, schnarrte der Zwerg, „Wer ruft denn gleich Leute? Ihr seid mir schon zwei zu viel! Fällt euch nichts Besseres ein?“

„Sei doch nicht so ungeduldig“, sagte Schneeweißchen. „Ich habe eine Idee.“ Sie holte ihr kleines Scherchen aus der Tasche und schnitt das Ende des Bartes ab.

Sobald der Zwerg sich frei fühlte, griff er nach einem Sack, der zwischen den Wurzeln des Baumes steckte und mit Gold gefüllt war. Er hob ihn heraus und murmelte vor sich hin: „Unverschämtes Volk, schneidet mir ein Stück von meinem stolzen Bart ab! Das zahlt ihr mir heim!“ Damit schwang er seinen Sack auf den Rücken und ging davon, ohne die Kinder auch nur noch einmal anzusehen.

Einige Zeit danach wollten Schneeweißchen und Rosenrot ein paar Fische angeln. Als sie in der Nähe des Baches waren, sahen sie, dass etwas wie eine große Heuschrecke zum Wasser hin hüpfte, als wollte es hineinspringen. Sie liefen hin und erkannten den Zwerg.

„Wo willst du hin?“, sagte Rosenrot, „Du willst doch nicht ins Wasser?“

„So ein Narr bin ich nicht!“, schrie der Zwerg. „Seht ihr nicht, der verfluchte Fisch will mich hineinziehen?“ Der Kleine hatte dort gesessen und geangelt. Unglücklicherweise hatte der Wind seinen Bart mit der Angelschnur verheddert. Als kurz darauf ein großer Fisch anbiss, fehlte dem schwachen Wesen die Kraft, ihn herauszuziehen. Der Fisch gewann die Oberhand und riss den Zwerg zu sich hin. Zwar hielt er sich an allen Halmen und Binsen fest, aber das half nicht viel. Er musste den Bewegungen des Fisches folgen und war ständig in Gefahr, ins Wasser gezogen zu werden.

Die Mädchen kamen zur rechten Zeit, hielten ihn fest und versuchten, den Bart von der Schnur loszuwickeln, aber vergebens. Bart und Schnur waren fest ineinander verstrickt. Es blieb nichts anderes übrig, als das Scherchen hervorzuholen und den Bart abzuschneiden, wobei ein kleines Stück davon verloren ging.

Als der Zwerg das sah, schrie er sie an: „Ist das etwa höflich, ihr Trampel, einem das Gesicht zu verunstalten? Nicht genug, dass ihr mir den Bart unten gestutzt habt, jetzt schneidet ihr mir den besten Teil davon ab! Ich darf mich vor meinen Leuten gar nicht blicken lassen! Ich hoffe, ihr rennt euch die Hacken ab!“ Dann holte er einen Sack Perlen, der im Schilf lag, und ohne ein weiteres Wort zu sagen, schleppte er ihn davon und verschwand hinter einem Stein.

Es ereignete sich, dass bald darauf die Mutter die beiden Mädchen in die Stadt schickte, um Garn, Nadeln, Schnüre und Bänder einzukaufen. Der Weg führte sie über eine Heide, auf der hier und da große Felsbrocken verstreut lagen. Dort sahen sie einen großen Vogel in der Luft schweben, der langsam über ihnen kreiste, immer tiefer heruntersank und schließlich nicht weit von einem Felsen niederstieß. Gleich darauf hörten sie einen durchdringenden, jämmerlichen Schrei.

Sie liefen hin und sahen mit Schrecken, dass der Adler ihren alten Bekannten, den Zwerg, gepackt hatte und ihn wegtragen wollte. Die mitleidigen Kinder hielten sofort den Kleinen fest und zerrten so lange mit dem Adler herum, bis er seine Beute losließ.

Als der Zwerg sich vom ersten Schreck erholt hatte, schrie er mit seiner kreischenden Stimme: „Konntet ihr nicht vorsichtiger mit mir umgehen? Ihr habt an meinem dünnen Jäckchen gezerrt, dass es überall zerfetzt und löchrig ist, ihr unbeholfenes und ungeschicktes Gesindel!“

Dann nahm er einen Sack mit Edelsteinen und huschte wieder unter den Felsen in seine Höhle. Die Mädchen waren an seinen Undank schon gewöhnt, setzten ihren Weg fort und erledigten ihre Besorgungen in der Stadt.

Als sie auf dem Heimweg wieder auf die Heide kamen, ertappten sie den Zwerg, der auf einer sauberen Stelle seinen Sack mit Edelsteinen ausgeschüttet hatte und nicht damit gerechnet hatte, dass so spät noch jemand vorbeikommen würde. Die Abendsonne schien auf die glänzenden Steine; sie schimmerten und leuchteten so wunderschön in allen Farben, dass die Kinder stehen blieben und sie betrachteten.

„Was glotzt ihr da so dumm!“, schrie der Zwerg, und sein aschgraues Gesicht wurde knallrot vor Wut. Er wollte mit seinen Schimpfwörtern weitermachen, als ein lautes Brummen zu hören war und ein schwarzer Bär aus dem Wald herbeitrottete.

Erschrocken sprang der Zwerg auf, aber er konnte seinen Schlupfwinkel nicht mehr erreichen, der Bär war schon in seiner Nähe. Da rief er in Panik: „Lieber Herr Bär, verschont mich! Ich gebe euch alle meine Schätze, seht her, die schönen Edelsteine, die da liegen! Schenkt mir das Leben! Was habt ihr denn von mir, diesem kleinen, schmächtigen Kerl? Ihr merkt mich nicht zwischen den Zähnen! Hier, packt die beiden gottlosen Mädchen! Das sind zarte Happen für euch, wohlgenährt wie junge Wachteln! Fresst die ruhig!“

Der Bär kümmerte sich nicht um seine Worte, verpasste dem boshaften Geschöpf einen einzigen Schlag mit der Tatze, und es rührte sich nicht mehr.

Die Mädchen waren weggerannt, aber der Bär rief ihnen nach: „Schneeweißchen und Rosenrot, habt keine Angst! Wartet, ich will mit euch gehen!“ Da erkannten sie seine Stimme und blieben stehen. Als der Bär bei ihnen war, fiel plötzlich die Bärenhaut ab, und er stand als gut aussehender Mann da und war ganz in Gold gekleidet.

„Ich bin der Sohn eines Königs“, sagte er, „und wurde von dem gemeinen Zwerg, der mir meine Schätze gestohlen hatte, verflucht, als wilder Bär im Wald herumzulaufen, bis ich durch seinen Tod erlöst würde. Jetzt hat er seine gerechte Strafe bekommen.“

Schneeweißchen heiratete ihn und Rosenrot seinen Bruder. Sie teilten die großen Schätze, die der Zwerg in seiner Höhle angesammelt hatte. Die alte Mutter lebte noch viele Jahre friedlich und glücklich bei ihren Kindern. Die zwei Rosensträucher nahm sie mit, und sie standen vor ihrem Fenster und trugen jedes Jahr die schönsten Rosen, weiß und rot.


Im Projekt „Grimm today“ werden die Urtexte der Gebrüder Grimm mittels künstlicher und natürlicher Intelligenz in eine moderne, kindgerechte Sprache gebracht, ohne dass der Inhalt darunter leidet. Eine Übersicht aller bisher angepassten Märchen findest du unter: https://bloeg.li/grimm/inhalt

Die Texte basieren auf den Originalausgaben von 1812 bis 1857, die im Wikisource abrufbar sind. Sie stehen unter der Lizenz CC BY-SA.

Es gab einmal einen Müller, der war nicht reich, aber er hatte eine wirklich hübsche Tochter. Nun traf er zufällig den König und um einen guten Eindruck zu machen, erzählte er ihm: „Ich habe eine Tochter, die kann Stroh in Gold verwandeln, und zwar durch Spinnen!“ Der König war begeistert und sagte zum Müller: „Das ist eine Fähigkeit, die ich super finde. Wenn deine Tochter so begabt ist, wie du sagst, dann bring sie morgen in mein Schloss, dort werde ich ihre Fähigkeiten testen.“

Als das Mädchen am nächsten Tag zum König gebracht wurde, führte er sie in einen Raum, der komplett mit Stroh gefüllt war. Er gab ihr ein Spinnrad und sagte: „Leg sofort los! Wenn du es nicht schaffst, das ganze Stroh bis morgen Früh zu Gold zu spinnen, musst du sterben.“ Danach schloss er die Tür ab und sie war allein.

Da saß nun die arme Müllerstochter und wusste einfach nicht weiter. Sie hatte keine Ahnung, wie man Stroh zu Gold spinnt, und ihre Angst wurde immer unerträglicher, bis sie schließlich anfing zu weinen. Plötzlich ging die Tür auf, und ein kleines, komisches Männchen kam herein und fragte: „Guten Abend, junge Dame! Warum bist du so traurig?“ „Ach“, antwortete das Mädchen, „ich muss Stroh zu Gold spinnen, aber ich kann das nicht.“ Das Männchen fragte: „Was gibst du mir, wenn ich es für dich spinne?“ „Meine Kette“, sagte das Mädchen. Das Männchen nahm die Kette, setzte sich vor das Spinnrad, und surr, surr, surr, dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann wechselte es eine andere auf, und surr, surr, surr, dreimal gezogen, war auch die zweite voll. So ging es die ganze Nacht weiter. Als es Morgen wurde, war alles Stroh zu Ende gesponnen, und alle Spulen waren prall gefüllt mit Gold.

Als die Sonne aufging, kam auch schon der König. Als er das Gold sah, war er total verblüfft und freute sich riesig, aber sein Herz wurde nur noch gieriger nach Gold. Er ließ die Müllerstochter in einen noch viel größeren Raum bringen, der ebenfalls voller Stroh lag, und befahl ihr, auch das in nur einer Nacht zu spinnen, wenn ihr das Leben wichtig sei. Das Mädchen war ratlos und weinte. Da öffnete sich die Tür erneut, und das kleine Männchen erschien und fragte: „Was ist mein Lohn, wenn ich dir das Stroh zu Gold spinne?“ „Meinen Ring vom Finger“, antwortete das Mädchen. Das Männchen nahm den Ring, fing sofort wieder an, das Rad surren zu lassen, und hatte bis zum Morgen alles Stroh zu glänzendem Gold gesponnen.

Der König freute sich unglaublich bei dem Anblick, war aber immer noch nicht genug gesättigt vom Gold. Er ließ die Müllerstochter in einen dritten, noch größeren Raum voller Stroh bringen und sagte: „Das musst du heute Nacht auch noch schaffen. Wenn dir das gelingt, werde ich dich heiraten.“ Er dachte: „Auch wenn sie eine Müllerstochter ist, eine reichere Frau finde ich nirgends auf der Welt.“

Als das Mädchen allein war, kam das Männlein zum dritten Mal wieder und fragte: „Was bekomme ich dieses Mal, wenn ich dir das Stroh spinne?“ „Ich habe nichts mehr, das ich dir geben könnte“, antwortete das Mädchen. „Gut, dann versprich mir, wenn du Königin wirst, dein erstes Kind.“ „Ach, wer weiß, ob das überhaupt passiert“, dachte die Müllerstochter und wusste sich in ihrer Not nicht anders zu helfen. Sie sagte dem Männchen zu, was es verlangte, und dafür spann das Männchen noch einmal das Stroh zu Gold.

Und als am Morgen der König kam und alles genau so vorfand, wie er es sich erhofft hatte, feierte er Hochzeit mit ihr, und die hübsche Müllerstochter wurde zur Königin.

Ein Jahr später brachte sie ein süßes Kind zur Welt und hatte das Männchen komplett vergessen. Da stand es plötzlich in ihrem Zimmer und sagte: „Nun gib mir, was du versprochen hast.“ Die Königin bekam einen Schreck und bot dem Männchen alle Schätze des Königreichs an, wenn es ihr das Kind lassen würde. Aber das Männchen sagte: „Nein, ein Lebewesen ist mir mehr wert als alle Schätze der Welt.“ Da fing die Königin so sehr an zu weinen und zu flehen, dass das Männchen Mitleid mit ihr hatte: „Ich gebe dir drei Tage Zeit“, sagte es. „Wenn du bis dahin meinen Namen errätst, darfst du dein Kind behalten.“

Die Königin überlegte die ganze Nacht alle Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten los, der im ganzen Land herumfragen sollte, welche Namen es sonst noch gab. Als das Männchen am nächsten Tag kam, zählte sie Namen auf wie Caspar, Melchior, Balzer und alle Namen, die ihr einfielen. Aber bei jedem Namen sagte das Männlein: „So heiße ich nicht.“

Am zweiten Tag ließ sie in der Nachbarschaft nachfragen, wie die Leute dort hießen, und nannte dem Männlein die ungewöhnlichsten und verrücktesten Namen. „Heißt du vielleicht Ribbentier oder Hammelsbein oder Strumpffuß?“ Aber es antwortete immer: „So heiße ich nicht.“

Am dritten Tag kam der Bote wieder zurück und berichtete: „Ich habe keinen einzigen neuen Namen gefunden. Aber als ich an einem hohen Berg um die Ecke ging, total weit weg von allem und jedem, sah ich dort ein kleines Haus. Vor dem Haus brannte ein Lagerfeuer, und um das Feuer sprang ein total albernes Männchen, hüpfte auf einem Bein herum und rief:

„Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind. Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“

Ihr könnt euch vorstellen, wie glücklich die Königin war, als sie den Namen hörte! Als kurz danach das Männlein hereintrat und fragte: „Na, Frau Königin, wie heiß ich?“, fragte sie zuerst: „Heißt du Kurt?“ „Nein.“ „Heißt du Heiner?“ „Nein.“

„Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“

„Das hat dir der Teufel verraten! Das hat dir der Teufel verraten!“, schrie das Männlein und stampfte vor Wut mit dem rechten Fuß so tief in den Boden, dass er bis zur Hüfte versank. Dann packte es in seiner riesigen Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riss sich selbst in zwei Teile.


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Die Texte basieren auf den Originalausgaben von 1812 bis 1857, die im Wikisource abrufbar sind. Sie stehen unter der Lizenz CC BY-SA.

Ein Mann hatte einen Esel, der schon viele Jahre lang unermüdlich Säcke zum Müller gebracht hatte. Doch allmählich ließen seine Kräfte nach, und er wurde für die Arbeit immer unbrauchbarer. Da überlegte sein Besitzer, ihn loszuwerden. Der Esel aber merkte, dass sein Herr etwas Böses im Schilde führte, machte sich davon und nahm Kurs auf Bremen. Dort, so dachte er, könnte er doch sicher Stadtmusikant werden.

Nach einer Weile traf er einen Jagdhund am Wegrand liegen, der völlig ausgepumpt nach Luft schnappte. „Hey, warum hechelst du so, alter Junge?“, fragte der Esel. „Ach“, sagte der Hund, „weil ich alt bin und jeden Tag schwächer werde und nicht mehr richtig jagen kann, wollte mich mein Herr erschießen. Da bin ich abgehauen. Aber wie soll ich jetzt mein Futter verdienen?“ „Weißt du was?“, meinte der Esel, „ich gehe nach Bremen, um dort Stadtmusikant zu werden. Komm mit und lass dich auch für die Musik anheuern. Ich spiele Gitarre, und du schlägst die Trommel.“ Der Hund war einverstanden und sie zogen weiter.

Es dauerte nicht lange, da saß eine Katze am Weg und sah aus, als hätte sie alle Probleme der Welt. „Na, was ist denn bei dir schiefgelaufen, alter Stubentiger?“, sprach der Esel. „Wie soll man gut drauf sein, wenn es ums Überleben geht?“, antwortete die Katze. „Weil ich in die Jahre komme, meine Zähne stumpf sind und ich lieber hinter dem Ofen döse, statt Mäuse zu jagen, wollte mich meine Besitzerin ertränken. Ich konnte zwar abhauen, aber jetzt stehe ich doof da: Wo soll ich hin?“ „Komm mit uns nach Bremen. Du kennst dich doch mit nächtlicher Musik aus, da kannst du doch Stadtmusikant werden.“ Die Katze fand die Idee gut und ging mit.

Kurz darauf kamen die drei Ausreißer an einem Bauernhof vorbei. Auf dem Tor saß ein Hahn und schrie aus vollem Hals. „Du schreist ja, dass es einen schüttelt“, sprach der Esel. „Was soll das?“ „Ich habe doch nur schönes Wetter angekündigt“, sagte der Hahn. „Aber weil morgen Gäste kommen, hat die Bäuerin kein Mitleid und der Köchin gesagt, sie wolle mich morgen in der Suppe essen, und heute Abend soll ich schon den Kopf hergeben. Nun schreie ich aus Leibeskräften, solange ich noch kann.“ „Ach was, du Rotschopf“, sagte der Esel, „zieh lieber mit uns fort. Wir gehen nach Bremen. Etwas Besseres als den Tod findest du überall. Du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen Musik machen, dann wird das sicher super.“ Der Hahn ließ sich überzeugen, und so zogen alle vier gemeinsam weiter.

Auf dem Weg nach Bremen

Sie konnten Bremen aber nicht an einem Tag erreichen und kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze und der Hahn machten es sich in den Ästen gemütlich. Der Hahn flog ganz nach oben, wo es für ihn am sichersten war. Bevor er einschlief, sah er sich noch einmal in alle Richtungen um. Da kam es ihm so vor, als sähe er in der Ferne ein kleines Licht und rief seinen Gefährten zu, da müsse doch ein Haus sein, denn dort scheine etwas. Der Esel sagte: „Dann machen wir uns besser auf den Weg dorthin, denn hier ist die Unterkunft miserabel.“ Der Hund meinte, ein paar Knochen mit was dran würden ihm auch gut tun. Also machten sie sich auf den Weg zu dem Licht, das immer heller und größer wurde, bis sie vor einem hell erleuchteten Räuberhaus standen.

Der Esel, als der Größte, ging zum Fenster und spähte hinein. „Was siehst du, Grauer?“, fragte der Hahn. „Was ich sehe?“, antwortete der Esel. „Einen reich gedeckten Tisch mit leckerem Essen und Trinken, und Räuber sitzen daran und gönnen sich was.“ „Das wär doch was für uns“, sprach der Hahn. „Ja, ja, wären wir doch dort!“, sagte der Esel. Da überlegten die Tiere, wie sie die Räuber vertreiben könnten, und fanden schließlich eine Lösung. Der Esel stellte sich mit den Vorderhufen auf das Fensterbrett, der Hund sprang auf seinen Rücken, die Katze kletterte auf den Hund, und zuletzt flog der Hahn hinauf und setzte sich der Katze auf den Kopf. Als sie so bereitstanden, fingen sie nach einem Zeichen alle an, Musik zu machen: Der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn krähte. Dann stürzten sie durch das Fenster in die Stube, dass die Scheiben klirrten. Die Räuber fuhren bei dem schrecklichen Lärm hoch, meinten, ein Gespenst käme herein, und flohen in panischer Angst in den Wald.

Ein Festschmaus

Nun setzten sich die vier Gefährten an den Tisch, nahmen mit dem vorlieb, was übrig war, und aßen, als ob sie wochenlang gehungert hätten. Als die vier Musikanten satt waren, löschten sie das Licht und suchten sich jeder einen Schlafplatz, der zu ihnen passte. Der Esel legte sich auf den Misthaufen, der Hund hinter die Tür, die Katze auf den Herd in die warme Asche, und der Hahn setzte sich auf den Dachbalken. Und weil sie müde waren von der langen Reise, schliefen sie bald ein.

Nach Mitternacht, als die Räuber von Weitem sahen, dass kein Licht mehr im Haus brannte und alles ruhig schien, sagte der Anführer: „Wir hätten uns nicht so sehr erschrecken lassen sollen.“ Er schickte einen von ihnen los, das Haus zu erkunden. Der Mann ging hin, fand alles still, betrat die Küche, um Licht anzumachen. Weil er die glühenden Augen der Katze für glimmende Kohlen hielt, hielt er ein Streichholz daran. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, fauchte und kratzte. Da erschrak er fürchterlich und rannte zur Hintertür hinaus. Der Hund, der dort lag, sprang auf und biss ihn ins Bein. Und als er über den Hof am Misthaufen vorbeirannte, verpasste ihm der Esel noch einen kräftigen Tritt mit dem Hinterhuf. Der Hahn, vom Lärm aus dem Schlaf geweckt und hellwach, rief vom Balken: „Kikeriki!“ Da rannte der Räuber, so schnell er konnte, zu seinem Anführer zurück und sagte: „Ah, in dem Haus sitzt eine furchtbare Hexe, die hat mich angefaucht und mir mit ihren langen Fingern das Gesicht zerkratzt. Und vor der Tür steht ein Mann mit einem Dolch, der hat mich ins Bein gestochen. Und auf dem Hof liegt ein schwarzes Monster, das hat mit einem Knüppel auf mich eingedroschen. Und oben auf dem Dach, da sitzt ein Polizist, der rief: ‚Bringt mir den Halunken her!‘ Da bin ich nur noch weggerannt.“

Von da an trauten sich die Räuber nicht mehr in das Haus. Den vier Bremer Musikanten aber gefiel es dort so gut, dass sie nicht mehr wegwollten.


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Es war einmal ein kleines, süßes Mädchen, das alle mochten, die es nur sahen. Am liebsten hatte es aber seine Großmutter, die ihm immer etwas schenkte. Einmal gab sie ihm ein rotes Samtkäppchen, und weil es ihm so gut stand und es nichts anderes mehr tragen wollte, nannte man es nur noch Rotkäppchen.

Eines Tages sagte seine Mutter zu ihm: „Komm, Rotkäppchen, hier ist ein Stück Kuchen und eine Flasche Saft. Bring das zu deiner Großmutter. Sie ist krank und wird sich darüber freuen. Mach dich auf den Weg, bevor es zu heiß wird. Und geh ordentlich, verlasse nicht den Weg, sonst fällst du, verschüttest den Saft, und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihr Haus kommst, vergiss nicht, ‚Guten Morgen‘ zu sagen, und schau nicht neugierig in alle Ecken.“

„Ich mach’s schon richtig“, sagte Rotkäppchen zu seiner Mutter und versprach es ihr. Die Großmutter wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf entfernt.

Als Rotkäppchen in den Wald kam, traf es den Wolf. Rotkäppchen wusste nicht, was das für ein böses Tier war, und hatte keine Angst vor ihm.

„Guten Tag, Rotkäppchen!“, sagte der Wolf. „Guten Tag, Wolf.“ „Wohin gehst du so früh?“ „Zur Großmutter.“ „Was hast du denn da?“ „Kuchen und Saft. Gestern haben wir gebacken, damit sich die kranke Großmutter stärken kann.“ „Rotkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?“ „Noch eine Viertelstunde weiter im Wald, bei den drei großen Eichen. Da steht ihr Haus, mit den Haselnusssträuchern davor. Das weißt du doch sicher.“

Der Wolf dachte bei sich: „Dieses zarte Ding ist ein fetter Bissen, noch besser als die Alte. Ich muss schlau vorgehen, um beide zu erwischen.“

Er ging ein Stück neben Rotkäppchen her und sagte dann: „Rotkäppchen, sieh mal, wie schön die Blumen hier sind! Warum schaust du sie dir nicht an? Und hörst du nicht, wie die Vögel so lieblich singen? Du läufst einfach los, als wärst du auf dem Weg zur Schule. Dabei ist es doch so schön hier im Wald.“

Rotkäppchen schaute auf und sah, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume tanzten und überall Blumen blühten. Da dachte es: „Wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, wird sie sich freuen. Es ist noch früh, ich komme bestimmt rechtzeitig an.“

Es verließ den Weg und sammelte Blumen. Immer, wenn es eine gepflückt hatte, sah es weiter hinten eine noch schönere und lief weiter – bis es tief in den Wald hineingeraten war.

Der Wolf aber ging direkt zum Haus der Großmutter und klopfte an die Tür. „Wer ist da?“ „Rotkäppchen. Ich bringe Kuchen und Saft. Mach auf!“ „Drück nur auf die Klinke“, rief die Großmutter. „Ich bin zu schwach, um aufzustehen.“

Der Wolf drückte die Klinke nieder, die Tür sprang auf, und ohne ein Wort zu sagen, ging er zum Bett der Großmutter und verschlang sie. Dann zog er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge zu.

Rotkäppchen hatte unterdessen weiter Blumen gesammelt, bis es so viele hatte, dass es keine mehr tragen konnte. Da fiel ihm die Großmutter wieder ein, und es machte sich auf den Weg zu ihr.

Es wunderte sich, dass die Tür offenstand, und als es ins Zimmer trat, kam ihm alles so seltsam vor. „Mann, bin ich heute nervös“, dachte es. „Sonst bin ich doch immer so gern bei der Großmutter!“

„Guten Morgen!“, rief es – aber niemand antwortete. Dann ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück. Da lag die Großmutter, mit der Haube tief im Gesicht, und sah merkwürdig aus.

„Großmutter, warum hast du so große Ohren?“ „Damit ich dich besser hören kann.“ „Großmutter, warum hast du so große Augen?“ „Damit ich dich besser sehen kann.“ „Großmutter, warum hast du so große Hände?“ „Damich dich besser festhalten kann.“ „Aber Großmutter, warum hast du so ein riesiges Maul?“ „Damit ich dich besser fressen kann!“

Kaum hatte der Wolf das gesagt, sprang er aus dem Bett und verschlang das arme Rotkäppchen.

Als der Wolf satt war, legte er sich wieder hin, schlief ein und fing an, laut zu schnarchen.

Ein Jäger kam gerade vorbei und dachte: „Die alte Frau schnarcht aber laut. Ich sollte nachsehen, ob alles in Ordnung ist.“ Er trat ins Zimmer und sah den Wolf im Bett liegen.

„Da bist du ja, du alter Schurke!“, sagte er. „Lange habe ich dich gesucht.“ Er wollte schon sein Gewehr anlegen, da dachte er, der Wolf könnte die Großmutter gefressen haben – und vielleicht war sie noch zu retten. Also schoss er nicht, sondern nahm eine Schere und schnitt dem schlafenden Wolf den Bauch auf.

Nach ein paar Schnitten sah er das rote Käppchen leuchten, und nach ein paar weiteren sprang das Mädchen heraus und rief: „Ah, war das gruselig! So dunkel war es im Bauch des Wolfs!“

Dann kam auch die Großmutter lebend heraus, doch sie konnte kaum atmen.

Rotkäppchen holte schnell ein paar große Steine, und sie stopften sie dem Wolf in den Bauch. Als der Wolf aufwachte, wollte er weglaufen – aber die Steine waren so schwer, dass er gleich umfiel und tot liegen blieb.

Alle drei waren froh: Der Jäger nahm dem Wolf das Fell ab und ging damit nach Hause. Die Großmutter aß den Kuchen und trank den Saft, den Rotkäppchen gebracht hatte, und wurde wieder gesund.

Rotkäppchen aber dachte: „Ich werde nie wieder allein vom Weg ab in den Wald laufen, wenn Mama es mir verboten hat.“


Im Projekt „Grimm today“ werden die Urtexte der Gebrüder Grimm mittels künstlicher und natürlicher Intelligenz in eine moderne, kindgerechte Sprache gebracht, ohne dass der Inhalt darunter leidet. Eine Übersicht aller bisher angepassten Märchen findest du unter: https://bloeg.li/grimm/inhalt

Die Texte basieren auf den Originalausgaben von 1812 bis 1857, die im Wikisource abrufbar sind. Sie stehen unter der Lizenz CC BY-SA.

Eine alleinerziehende Mutter hatte zwei Töchter: eine war hübsch und fleißig, die andere hässlich und faul. Doch die Mutter mochte die faule Tochter viel lieber, weil es ihr eigenes Kind war. Die andere musste alle Arbeit im Haus erledigen und war so etwas wie das Mädchen für alles.

Das arme Mädchen musste jeden Tag an einem Brunnen am Straßenrand sitzen und so viel spinnen, dass seine Finger blutig wurden. Einmal war die Spule ganz voll von Blut, also beugte es sich über den Brunnen, um sie abzuwaschen. Doch die Spule rutschte ihm aus der Hand und fiel ins Wasser. Weinend lief es zur Stiefmutter und erzählte ihr, was passiert war. Doch die schimpfte nur: „Wenn du die Spule runtergeworfen hast, dann hol sie auch wieder herauf!“

Verzweifelt ging das Mädchen zum Brunnen zurück. Es wusste nicht, was es tun sollte, und vor lauter Angst sprang es hinein, um die Spule zu suchen. Plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen, und als es wieder zu sich kam, lag es auf einer wunderschönen Wiese, wo die Sonne schien und tausend Blumen blühten.

Es ging weiter und kam zu einem Backofen, der voller Brot war. Das Brot rief: „Oh, hol mich raus, hol mich raus, sonst verbrenne ich! Ich bin schon längst fertig gebacken.“ Da nahm das Mädchen den Brotschieber und holte jedes Brot sorgfältig heraus.

Weiter ging es, bis es zu einem Apfelbaum kam. Der rief: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle reif!“ Also schüttelte das Mädchen den Baum, bis alle Äpfel herunterfielen wie Regen. Es sammelte sie ordentlich auf und ging dann weiter.

Schließlich kam es zu einem kleinen Haus. Darin saß eine alte Frau mit großen Zähnen, sodass das Mädchen erschrak und weglaufen wollte. Doch die Frau rief: „Warum hast du Angst, mein Kind? Bleib bei mir! Wenn du alles im Haus ordentlich machst, soll es dir gut gehen. Du musst nur mein Bett gut schütteln, damit die Federn fliegen – dann schneit es auf der Welt. Ich bin die Frau Holle.“

Weil die Alte so freundlich war, fasste das Mädchen Mut und blieb. Es arbeitete fleißig und schüttelte das Bett kräftig, sodass die Federn wie Schneeflocken umherflogen. Dafür wurde es gut behandelt, bekam leckeres Essen und nie ein böses Wort.

Doch nach einer Weile bekam das Mädchen Heimweh. Obwohl es hier viel besser lebte als zu Hause, vermisste es seine Familie. Also sagte es zu Frau Holle: „Ich möchte wieder nach Hause.“

Frau Holle antwortete: „Weil du so treu gearbeitet hast, bringe ich dich selbst zurück.“ Sie führte es zu einem großen Tor. Als das Mädchen hindurchging, regnete es Gold, und alles blieb an ihm hängen. „Das ist dein Lohn für deinen Fleiß“, sagte Frau Holle und gab ihm auch die verlorene Spule zurück. Dann schloss sich das Tor.

Das Mädchen stand plötzlich vor dem Haus seiner Mutter. Als es in den Hof trat, krähte der Hahn auf dem Brunnen:

„Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie’!“

Die Mutter und die Schwester empfingen es freundlich, denn das Gold beeindruckte sie. Als sie hörten, wie der Reichtum zustande gekommen war, wollte die Mutter dasselbe Glück auch für die faule Tochter.

Also setzte sich diese an den Brunnen und stach sich absichtlich in den Finger, um die Spule blutig zu machen. Dann warf sie sie ins Wasser und sprang hinterher.

Sie landete auf der schönen Wiese und ging denselben Weg. Als das Brot im Ofen um Hilfe rief: „Oh, hol mich raus, hol mich raus, sonst verbrenne ich! Ich bin schon längst fertig gebacken“, antwortete sie nur: „Ich mach mich doch nicht schmutzig!“

Der Apfelbaum bat: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle reif!“, doch sie sagte: „Als ob ich mir einen Apfel auf den Kopf fallen lassen würde!“

Bei Frau Holle fürchtete sie sich nicht, denn sie wusste von den großen Zähnen. Am ersten Tag arbeitete sie noch halbwegs, aber schon am zweiten wurde sie faul, und am dritten stand sie kaum noch auf. Sie schüttelte das Bett nicht richtig auf, sodass keine Federn flogen.

Frau Holle hatte genug und entließ sie. Die Faule freute sich schon auf das Gold, doch als sie unter dem Tor stand, goss es statt Gold einen Kessel voll klebrigen Pech über sie aus.

„Das ist der Lohn für deine Arbeit“, sagte Frau Holle und schloss das Tor.

Die Faule kam pechverschmiert nach Hause, und der Hahn krähte:

„Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hier!“

Das Pech blieb für immer an ihr kleben – und sie musste ihr Leben lang damit herumlaufen.


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Die Texte basieren auf den Originalausgaben von 1812 bis 1857, die im Wikisource abrufbar sind. Sie stehen unter der Lizenz CC BY-SA.

Es lebte einmal ein wohlhabender Mann, dessen Frau schwer krank wurde. Bevor sie starb, bat sie ihre Tochter an ihr Krankenbett. „Liebes Kind, bleib immer gut und freundlich, dann wird das Leben dir wohlgesonnen sein, und ich werde immer bei dir sein, auch wenn du mich nicht sehen kannst.“ Wenig später schloss sie für immer die Augen. Das Mädchen besuchte täglich das Grab ihrer Mutter, weinte und blieb gut und freundlich.

Es kam der Winter und als im Frühling die Sonne den Schnee schmelzen ließ, heiratete der Vater eine neue Frau. Sie brachte zwei Töchter mit ins Haus, die zwar hübsch aussahen, aber sehr gemein und grausam waren. Eine harte Zeit begann für das arme Mädchen. „Soll die dumme Gans bei uns im Wohnzimmer sitzen?“, sagten sie. „Wer essen will, muss es sich verdienen! Ab in die Küche mit der Magd.“ Sie nahmen ihr die schönen Kleider weg, zogen ihr einen alten grauen Kittel an und gaben ihr klobige Holzschuhe. „Schaut mal, die Prinzessin!“, lachten sie aus und brachten sie in die Küche.

Dort musste sie von morgens bis abends schwer arbeiten: Wasser holen, Feuer machen, kochen und waschen. Die Schwestern machten ihr zusätzlich das Leben schwer, hänselten sie und schütteten Erbsen und Linsen in die Asche, sodass sie sie heraussuchen musste. Abends, wenn sie sich müde gearbeitet hatte, durfte sie nicht ins Bett, sondern musste in der Asche neben dem Herd schlafen. Deshalb war sie immer schmutzig und wurde Aschenputtel genannt.

Ein Wunsch geht in Erfüllung

Eines Tages wollte der Vater einkaufen gehen und fragte seine Stieftöchter, was er ihnen mitbringen sollte. „Schöne Kleider!“, sagte die eine. „Perlen und Edelsteine!“, rief die andere. „Und du, Aschenputtel, was möchtest du?“, fragte er. „Papa, brich mir das erste Zweiglein ab, das dir auf dem Heimweg an den Hut stößt.“ Also kaufte er für die Stiefschwestern Kleider, Perlen und Edelsteine. Auf dem Rückweg, als er unter einem Haselstrauch ritt, streifte ein Zweig seinen Hut, und er brach ihn ab, um ihn Aschenputtel zu geben.

Zuhause überreichte er den Schwestern ihre Geschenke und Aschenputtel das Zweiglein. Dankbar pflanzte sie es auf das Grab ihrer Mutter und weinte so viel, dass ihre Tränen den Zweig wässerten. So wuchs ein schöner Baum heran. Jeden Tag ging Aschenputtel dreimal zum Baum, weinte und betete. Jedes Mal kam ein weißer Vogel und ließ ihr herunterfallen, was sie sich wünschte.

Dann kündigte der König ein dreitägiges Fest an, zu dem alle schönen Mädchen des Landes eingeladen wurden, damit der Prinz seine Braut finden konnte. Die Stiefschwestern jubelten, da auch sie eingeladen waren, und befahlen Aschenputtel: „Kämm unser Haar, putz die Schuhe und bereite alles vor, wir gehen zum Königsball.“ Aschenputtel weinte, denn sie wollte auch gern dorthin, und bat ihre Stiefmutter um Erlaubnis. „Aschenputtel, du bist schmutzig, und du hast nichts zum Anziehen.“ Doch als sie weiter bat, meinte die Stiefmutter schließlich: „Ich habe eine Schüssel Linsen in die Asche geschüttet. Wenn du sie in zwei Stunden ausgelesen hast, darfst du mitkommen.“

Aschenputtel lief in den Garten und rief: „Ihr zahmen Tauben, ihr Turteltäubchen, alle Vögel überall: Kommt und helft mir: die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.“ Da flogen zum Fenster zwei weiße Tauben herein und dann die Turteltauben. Schließlich kam ein Schwarm Vögel, die sich um die Asche niederließen. Die Tauben nickten und begannen zu picken, und bald folgten die anderen. Schnell war die Arbeit getan, und die Vögel flogen davon. Voller Freude brachte Aschenputtel die Schüssel zur Stiefmutter in der Hoffnung, mitgehen zu dürfen. Aber die Stiefmutter sagte: „Nein, du hast nichts anzuziehen, und tanzen kannst du auch nicht.“

Der Ballzauber und die vergessenen Schuhe

Als niemand mehr zuhause war, ging Aschenputtel zu ihrem Baum und rief:

„Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich.“

Da ließ der Vogel ein gold- und silberfarbenes Kleid und Schuhe für sie herab. Schnell zog sie alles an und eilte zum Ball. Die Stiefschwestern und die Stiefmutter erkannten sie nicht und dachten, sie sei eine fremde Prinzessin. Der Prinz nahm sie bei der Hand, tanzte nur mit ihr und wollte sie nicht loslassen. Als der Abend kam, wollte Aschenputtel nach Hause, und der Prinz wollte sie begleiten. Doch sie entwischte ihm und versteckte sich im Taubenhaus.

Am nächsten Tag passierte alles genau wie zuvor. Aschenputtel ging zu ihrem Baum, rief:

„Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich.“

Sie erschien in einem noch schöneren Kleid beim Fest. Wieder wollte der Prinz nur mit ihr tanzen. Am Abend floh sie erneut, sprang aber diesmal in einen Baum im Garten. Als der Prinz Aschenputtels Vater fragte, befahl er, den Baum zu fällen, doch Aschenputtel war schon wieder entwischt.

Am dritten Tag wurde wieder gefeiert und Aschenputtel rief erneut

„Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich“

und der Vogel warf ein prächtiges, glänzendes Kleid und goldene Schuhe herab. Sie ging zum Fest, und alle staunten über ihre Schönheit. Wieder tanzte der Prinz nur mit ihr. Als es abends Zeit war zu gehen, versuchte er erneut, sie zu begleiten, aber sie entkam ihm. Doch diesmal hatte der Prinz die Treppe mit Kleber bestreichen lassen und Aschenputtel verlor einen goldenen Schuh.

Blut ist im Schuh

Am nächsten Morgen verkündete der Prinz: „Diejenige, die in diesen Schuh passt, wird meine Gemahlin.“ Da freuten sich die beiden Schwestern, denn sie hatten schöne Füße. Die Älteste ging mit dem Schuh in ihr Zimmer und wollte ihn anprobieren, ihre Mutter stand dabei. Aber sie kam mit dem großen Zeh nicht hinein, der Schuh war ihr zu klein. Da reichte ihr die Mutter ein Messer und sagte: „Hau den Zeh ab! Wenn du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.“ Das Mädchen haute den Zeh ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verkniff sich den Schmerz und ging hinaus zum Prinzen. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort.

Als sie aber an dem Grab vorbeikamen, saßen die zwei Tauben auf dem Haselnussbaum und riefen:

„Rucke di gu, rucke di gu, Blut ist im Schuh! Der Schuh ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim.“

Da schaute der Prinz auf ihren Fuß und sah, wie das Blut herausquoll. Er wendete das Pferd, brachte die falsche Braut nach Hause zurück und sagte, das wäre nicht die richtige. Die andere Schwester solle den Schuh anprobieren. Die versuchte es dann auch, und es gelang ihr, mit den Zehen hineinzukommen, aber die Ferse war zu groß. Da reichte die Mutter ein Messer und sagte: „Hau ein Stück von der Ferse ab! Wenn du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.“ Das Mädchen haute ein Stück von der Ferse ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verkniff sich den Schmerz und ging hinaus zum Prinzen. Der nahm sie als seine Braut auf sein Pferd und ritt mit ihr fort.

Doch als sie am Haselnussbaum vorbeikamen, riefen die Täubchen:

„Rucke di gu, rucke di gu, Blut ist im Schuh! Der Schuh ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim.“

Er blickte auf ihren Fuß und sah, dass Blut aus dem Schuh quoll und die weißen Strümpfe rot gefärbt hatte. Wieder wendete er sein Pferd und brachte die falsche Braut nach Hause. „Das ist auch nicht die richtige,“ sagte er, „habt ihr keine andere Tochter?“ „Nein,“ sagte der Mann, „nur von meiner verstorbenen Frau ist noch ein kleines, aber sehr dreckiges Aschenputtel da. Das kann unmöglich die Braut sein.“ Doch der Prinz bestand darauf, Aschenputtel solle es versuchen.

Da wusch sie sich erst Hände und Gesicht sauber, ging dann hin und verneigte sich vor dem Prinzen, der ihr den goldenen Schuh reichte. Dann setzte sie sich auf einen Schemel, zog den Fuß aus dem schweren Holzschuh und steckte ihn in den Pantoffel, der passte wie angegossen. Und als sie aufstand und der Prinz ihr ins Gesicht sah, erkannte er das schöne Mädchen, das mit ihm getanzt hatte, und rief: „Das ist die richtige Braut!“

Die Stiefmutter und die beiden Schwestern erschraken und wurden blass vor Wut. Der Prinz nahm Aschenputtel auf sein Pferd und ritt mit ihr fort. Als sie am Haselnussbaum vorbeikamen, riefen die zwei weißen Täubchen:

„Rucke di gu, rucke di gu, kein Blut ist im Schuh! Der Schuh ist nicht zu klein, die rechte Braut, die führt er heim.“

Und als sie das gerufen hatten, flogen die Täubchen herab und setzten sich Aschenputtel auf die Schultern, eine rechts, die andere links, und blieben da sitzen.


Im Projekt „Grimm today“ werden die Urtexte der Gebrüder Grimm mittels künstlicher und natürlicher Intelligenz in eine moderne, kindgerechte Sprache gebracht, ohne dass der Inhalt darunter leidet. Eine Übersicht aller bisher angepassten Märchen findest du unter: https://bloeg.li/grimm/inhalt

Die Texte basieren auf den Originalausgaben von 1812 bis 1857, die im Wikisource abrufbar sind. Sie stehen unter der Lizenz CC BY-SA.

An einem Sommermorgen saß ein Schneider an seinem Tisch am Fenster und nähte. Da kam eine Bäuerin die Straße entlang und rief: „Frische Marmelade! Frische Marmelade!“ Das klang für den Schneider so verlockend, dass er seinen Kopf aus dem Fenster streckte und rief: „Kommen Sie herauf, liebe Frau, hier können Sie Ihre Ware loswerden.“ Als die Frau heraufkam, musste sie ihren ganzen Korb auspacken. Der Schneider begutachtete jedes Glas, aber am Ende kaufte er nur ein kleines Töpfchen. Die Frau war verärgert und murrte, als sie wieder ging.

„Das soll mir Glück bringen“, sagte der Schneider, „und mir Kraft geben!“ Er holte Brot, schnitt sich eine dicke Scheibe ab und strich die Marmelade darauf. „Das wird lecker“, meinte er, „aber erst will ich meine Jacke fertignähen, bevor ich esse.“ Er legte das Brot beiseite, nähte weiter und machte vor Freude immer größere Stiche.

Inzwischen stieg der süße Duft der Marmelade auf und lockte die Fliegen an, die in Scharen herbeikamen und sich auf dem Brot niederließen. Als der Schneider das bemerkte, rief er: „Hey, wer hat euch eingeladen?“ und verscheuchte sie. Aber die Fliegen verstanden ihn nicht und ließen sich nicht vertreiben. Bald kamen sie in noch größerer Zahl zurück. Da wurde der Schneider wütend: Er griff nach einem Lappen und schlug kräftig auf die Fliegen ein. Dann zählte er – sieben lagen tot da, mit ausgestreckten Beinchen.

„Mann, bin ich stark!“, rief er begeistert. „Das muss die Stadt erfahren!“ Schnell schnitt er sich einen Gürtel zu, nähte ihn und stickte in großen Buchstaben darauf: „SIEBEN AUF EINEN STREICH!“ „Ach, was Stadt!“, fügte er hinzu. „Die ganze Welt soll es wissen!“ Sein Herz hüpfte vor Freude wie ein kleiner Lammwedel.

Er band sich den Gürtel um und suchte im Haus nach etwas, das er mitnehmen konnte, denn er wollte in die Welt hinaus. Doch er fand nur einen alten Käse, den steckte er ein. Vor dem Stadttor fing er zufällig einen Vogel, den verstaute er ebenfalls in seiner Tasche. Dann machte er sich auf den Weg.

Beim Riesen

Oben auf dem Berg traf das Schneiderlein auf einen riesigen Mann, der gemütlich auf einem Felsen saß. „Hey, du da!“, rief der Schneider. „Schaust du nur in die Welt oder willst du auch was erleben? Ich ziehe los – kommst du mit?“

Der Riese musterte ihn von oben bis unten. „Du? So ein Winzling?“

„Ach was!“, sagte das Schneiderlein und zeigte stolz seinen Gürtel: „SIEBEN AUF EINEN STREICH!“ – „Das heißt, ich habe sieben mit einem Schlag erledigt.“

Der Riese runzelte die Stirn. „Beweis es mir erst!“, brummte er, griff einen dicken Stein und drückte ihn so fest, dass Wasser herausquoll. „Kannst du das?“

„Klar!“, sagte der Schneider, holte seinen alten Käse aus der Tasche und presste ihn zusammen, bis Flüssigkeit heraustropfte. „Siehst du? Noch besser!“

Verblüfft hob der Riese einen Felsbrocken hoch und schleuderte ihn so weit, dass er fast verschwand. „Und das?“

Der Schneider lachte. „Gut geworfen – aber dein Stein fällt ja wieder runter. Ich werfe etwas, das für immer fliegt!“ Er packte den Vogel aus seiner Tasche und ließ ihn frei – der Vogel flatterte fröhlich davon.

Jetzt wurde der Riese misstrauisch. „Vielleicht kannst du werfen, aber tragen?“, knurrte er und führte den Schneider zu einer gewaltigen Eiche, die am Boden lag. „Die schleppen wir jetzt zusammen weg.“

„Einverstanden!“, sagte der Schneider. „Du nimmst den dicken Stamm, ich trag die Äste – die sind viel mühsamer!“ Der Riese hob den Baum auf seine Schulter, während das Schneiderlein sich einfach hinten auf einen Ast setzte. So musste der Riese alles allein schleppen – und der Schneider pfiff vergnügt ein Liedchen dazu.

Nach einer Weile stöhnte der Riese: „Ich halte das nicht mehr aus!“

Blitzschnell sprang der Schneider herunter, packte den Baum und tat, als stemme er ihn mit Mühe. „Du bist so groß und kriegst das nicht hin?“

Kurz darauf zeigte der Riese auf einen Kirschbaum. „Hier, iss was!“, sagte er, bog einen Ast herab und hielt ihn dem Schneider hin. Doch der Ast schnellte zurück – und das Schneiderlein flog durch die Luft!

„Ha!“, rief der Riese. „Bist du zu schwach für ein paar Kirschen?“

„Schwach? Ich bin absichtlich hochgesprungen!“, behauptete der Schneider. „Da unten sind Jäger – ich musste mich retten! Probier’s doch selbst!“

Der Riese versuchte es – aber er blieb in den Ästen hängen und baumelte hilflos in der Luft.

Am Abend lud der Riese den Schneider in seine Höhle ein. „Hier, schlaf in diesem Bett!“, sagte er – doch der Schneider kroch heimlich in eine dunkle Ecke. Mitten in der Nacht holte der Riese einen schweren Knüppel und zerschmetterte das Bett, weil er dachte, der Schneider läge darin.

Am nächsten Morgen traute er seinen Augen nicht: Da stand das Schneiderlein, putzmunter! „Der ist stärker, als ich dachte!“, erschrak der Riese – und rannte davon.

Beim König

Nachdem die Riesen geflohen waren, zog das Schneiderlein weiter und kam schließlich an den königlichen Hof. Erschöpft legte es sich ins Gras und schlief ein. Als die Hofbeamten seinen Gürtel mit der Aufschrift “SIEBEN AUF EINEN STREICH” sahen, dachten sie, er sei ein großer Kriegsheld und meldeten es dem König.

Die Soldaten bekamen Angst: “Wenn dieser Kerl zuschlägt, fallen gleich sieben auf einmal! Wir haben keine Chance gegen ihn!” Sie baten um ihre Entlassung.

Der König sah sich gezwungen, dem Schneider eine Aufgabe zu geben. “In meinem Wald hausen zwei gefährliche Riesen”, sagte er. “Wenn du sie besiegst, bekommst du meine Tochter zur Frau und das halbe Königreich.”

Im Wald fand das Schneiderlein die schlafenden Riesen. Es kletterte auf einen Baum über ihnen und warf dem ersten Riesen einen Stein auf die Brust. Der Riese wachte auf und schimpfte seinen Gefährten an: “Warum schlägst du mich?” Der andere antwortete: “Ich habe dich nicht geschlagen!” Sie schliefen wieder ein.

Das Schneiderlein warf einen Stein auf den zweiten Riesen. Der beschwerte sich: “Was soll das? Du hast mich geschlagen!” “Hab ich nicht!”, erwiderte der erste. Bald stritten sie sich so heftig, dass sie Bäume ausrissen und sich gegenseitig damit erschlugen.

Als nächstes sollte das Schneiderlein ein Einhorn fangen. Es stellte sich hinter einen Baum und lockte das Tier. Als das Einhorn im vollen Lauf auf ihn zukam, sprang es zur Seite. Das Horn bohrte sich tief in den Baumstamm und das Einhorn war gefangen.

Schließlich musste es noch ein wildes Schwein einfangen. Es lockte das Tier in eine kleine Kapelle, sprang schnell hinaus und schloss die Tür. Das wütende Schwein war gefangen.

Der König musste sein Versprechen halten. Bei der Hochzeit merkte niemand, dass der Bräutigam eigentlich nur ein Schneider war. Doch eines Nachts hörte die Prinzessin ihn im Schlaf rufen: “Junge, mach mir den Rock fertig, sonst kriegst du die Elle zu spüren!”

Am nächsten Tag erzählte sie es ihrem Vater. Der König befahl seinen Dienern: “Wartet heute Nacht vor seinem Zimmer. Wenn er schläft, fesselt ihn und werft ihn hinaus!”

Aber ein Diener, der das Schneiderlein mochte, warnte ihn. Als die Diener in der Nacht kamen, rief das Schneiderlein absichtlich im Schlaf: “Ich habe sieben auf einen Streich erschlagen! Zwei Riesen getötet! Ein Einhorn und ein Wildschwein gefangen! Soll ich mich vor euch fürchten?”

Die Diener bekamen solche Angst, dass sie flohen. Von da an wagte niemand mehr, sich gegen das Schneiderlein zu stellen. So regierte es glücklich bis an sein Lebensende als König.


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Am Rand eines großen Waldes lebte ein armer Holzfäller mit seiner Frau und seinen zwei Kindern, Hänsel und Gretel. Sie hatten kaum genug zu essen, und eines Tages war das Essen so knapp, dass der Vater nicht mehr wusste, wie er seine Familie ernähren sollte. Abends lag er sorgenvoll im Bett, als seine Frau zu ihm sagte: „Hör zu, nimm morgen früh die beiden Kinder, gib jedem noch ein Stück Brot, dann führ sie tief in den Wald, wo die Bäume am dichtesten stehen. Mach ihnen ein Feuer und geh weg. Wir können sie nicht mehr durchbringen.“

„Nein“, sagte der Mann, „das kann ich nicht. Wie soll ich meine eigenen Kinder den wilden Tieren überlassen?“ Doch die Frau ließ nicht locker: „Wenn wir es nicht tun, verhungern wir alle.“ Schließlich gab er nach.

Hänsel und Gretel, die vor Hunger nicht schlafen konnten, hatten alles gehört. Gretel fing an zu weinen, aber Hänsel sagte: „Bleib ruhig, ich finde einen Ausweg.“ Leise stand er auf, schlich nach draußen und sammelte weiße Kieselsteine, die im Mondlicht glitzerten, bis seine Taschen voll waren. Dann ging er zurück und beruhigte Gretel: „Alles wird gut.“

Am nächsten Morgen weckte die Mutter sie früh: „Auf, wir gehen in den Wald. Hier habt ihr jeder ein Stück Brot, aber spart es für später.“ Gretel steckte ihres in die Schürze, während Hänsel die Steine in der Tasche hatte. Unterwegs blieb Hänsel immer wieder stehen und schaute zurück. „Was guckst du dauernd?“, fragte der Vater. „Ich seh nach meinem Kätzchen auf dem Dach“, log Hänsel. „Das ist kein Kätzchen, das ist die Sonne“, sagte die Mutter. Doch in Wirklichkeit ließ Hänsel Steinchen fallen, um den Weg zurückzufinden.

Tief im Wald machte der Vater ein Feuer. „Bleibt hier, bis wir zurückkommen“, sagten die Eltern – doch sie kamen nicht. Als es dunkel wurde, weinte Gretel, aber Hänsel wartete, bis der Mond aufging. Die Steine leuchteten wie kleine Sterne und führten sie nach Hause. Der Vater freute sich, die Mutter tat nur so.

Doch bald war wieder kein Brot da. Diesmal hörten die Kinder, wie die Mutter sagte: „Führe sie dieses Mal noch tiefer in den Wald, damit sie nicht zurückfinden!“ Hänsel wollte wieder Steine sammeln, doch die Tür war verschlossen. „Uns wird schon etwas einfallen“, tröstete er Gretel.

Am nächsten Tag streute Hänsel Brotkrümel auf den Weg. Doch die Eltern führten sie so weit, wie sie noch nie gewesen waren. Als die Kinder allein blieben, warteten sie vergeblich. Bei Mondlicht suchten Hänsel die Krümel – doch Vögel hatten sie gefressen.

Drei Tage irrten sie hungrig umher, bis sie ein Haus aus Lebkuchen und Zucker fanden. „Endlich Essen!“, rief Hänsel und biss ins Dach, Gretel knabberte am Fenster. Doch plötzlich rief eine Stimme: „Knusper, knusper, knäuschen! Wer knabbert an meinem Häuschen?“

Eine alte Frau mit wackeligem Kopf kam heraus: „Ach, ihr armen Kinder! Kommt herein, ich gebe euch was Gutes!“ Doch sie war eine böse Hexe. Sie lockte öfter Kinder ins Haus, mästete sie und aß sie später.

Die Hexe warf Hänsel in einen Stall mit Gittertür. „Werd schön fett, Kleiner!“, kicherte sie. Gretel musste kochen und putzen, während die Hexe Hänsel jeden Tag füttern wollte. Doch wenn sie prüfte, ob er dicker wurde, streckte er ihr ein Knochen statt seines Fingers hin – er war schlau und nutzte aus, dass sie nicht gut sehen konnte.

Nach vier Wochen hatte die Hexe genug. Sie rief zu Gretel: „Hol Wasser! Morgen koche ich deinen Bruder!“ Gretel weinte, aber sie gehorchte.

Am nächsten Morgen wollte die Hexe zuerst Gretel braten und befahl ihr: „Heiz den Ofen an! Ich will Brot backen.“ Als das Feuer brannte, sagte sie: „Kriech rein und schau, ob es heiß genug ist!“ Gretel durchschaute den Trick. „Ich weiß nicht, wie das geht“, sagte sie. „Zeig es mir!“ „Dummes Mädchen!“, fauchte die Hexe. „So macht man’s!“ Sie bückte sich vor den Ofen und – zack! – schubste Gretel sie hinein und schloss die Tür!

Die Hexe schrie, aber bald war es still. Gretel befreite Hänsel, und sie entdeckten Schatztruhen voller Edelsteine im Haus. Damit liefen sie nach Hause.

Der Vater weinte vor Freude – seit die Kinder fort waren, war er untröstlich gewesen. Die Stiefmutter war gestorben. Doch nun waren sie reich und mussten nie wieder hungern.


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Es war einmal ein Ehepaar, das sich schon lange ein Kind wünschte, aber es wollte einfach nicht klappen. Endlich wurde die Frau schwanger. In ihrem Haus gab es ein kleines Fenster, das in den Garten einer Zauberin blickte. Dieser Garten war voller wunderschöner Blumen und Kräuter, doch niemand wagte es, hineinzugehen.

Eines Tages stand die Frau am Fenster und entdeckte ein Beet mit frischen Rapunzeln. Plötzlich verspürte sie ein so starkes Verlangen danach, dass sie krank vor Sehnsucht wurde. Ihr Mann erschrak, als er sie so elend sah, und fragte, was los sei. „Wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserem Haus bekomme, dann halte ich es nicht aus!“, jammerte sie.

Weil er sie liebte, beschloss er, ihr welche zu holen – egal, was es kostete. Also kletterte er eines Abends über die hohe Mauer, pflückte schnell ein paar Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sofort einen Salat daraus und aß ihn mit großem Appetit. Doch der Geschmack war so köstlich, dass sie am nächsten Tag noch mehr davon wollte.

Der Mann wusste, dass sie nicht locker lassen würde, also stieg er noch einmal in den Garten. Doch plötzlich stand die Zauberin vor ihm und schimpfte: „Wie kannst du es wagen, in meinen Garten einzudringen und zu stehlen?“ Er entschuldigte sich und erklärte, dass seine schwangere Frau unbedingt Rapunzeln essen müsse.

Schließlich sagte die Zauberin: „Gut, ich erlaube dir, so viele Rapunzeln mitzunehmen, wie du willst – aber unter einer Bedingung: Du gibst mir das Kind, das deine Frau bald zur Welt bringt.“ In seiner Not willigte der Mann ein.

Als das Baby geboren wurde, kam die Zauberin sofort, nannte das Mädchen „Rapunzel“ und nahm es mit. Rapunzel wuchs zu einem wunderschönen Mädchen heran. Doch als sie zwölf Jahre alt war, sperrte die Zauberin sie in einen hohen Turm ohne Tür und ohne Treppe. Ganz oben gab es nur ein kleines Fenster. Wenn die Zauberin zu Besuch kam, rief sie:

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“

Rapunzel hatte wundervoll langes Haar, fein wie goldene Seide. Sie band es los, wickelte es um einen Fensterhaken, und die Zauberin kletterte daran hoch.

Eines Tages ritt ein junger Prinz durch den Wald und hörte Rapunzels bezaubernden Gesang. Er verliebte sich sofort in sie. Doch der Turm hatte keine Tür, und keine Leiter war hoch genug. Verzweifelt kam er jeden Tag wieder, bis er beobachtete, wie die Zauberin rief:

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“

Jetzt wusste er, wie er hineinkommen konnte. Am nächsten Abend rief er selbst die Worte, und Rapunzel ließ ihr Haar hinab. Der Prinz kletterte hinauf.

Zuerst erschrak Rapunzel, doch bald gefiel ihr der junge Mann so gut, dass sie ihn jeden Tag besuchen ließ. So verbrachten sie fröhliche Stunden – bis Rapunzel eines Tages unvorsichtig wurde. „Sag mal“, fragte sie die Zauberin, „warum werden meine Kleider immer enger? Sie passen nicht mehr!“

„Undankbares Kind!“, schrie die Zauberin wütend. Sofort durchschaute sie den Betrug. Sie packte Rapunzels Haar, wickelte es sich um die Hand – und schnipp! schnapp! – durchtrennte es mit einer Schere. Dann verbannte sie Rapunzel in eine einsame Wildnis, wo sie ein schweres Leben führte. Später brachte sie Zwillinge zur Welt, einen Jungen und ein Mädchen.

Doch an dem Tag, als Rapunzel fortgeschickt wurde, band die Zauberin das abgeschnittene Haar an den Fensterhaken. Als der Prinz abends rief:

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“

ließ sie es hinab – doch statt Rapunzel fand er die wütende Zauberin. „Deine geliebte Rapunzel ist für immer fort!“, rief sie.

Voller Verzweiflung stürzte sich der Prinz vom Turm. Er überlebte, verlor aber sein Augenlicht. Blind irrte er durch den Wald, aß nur Gras und Wurzeln und weinte unaufhörlich.

Jahre später gelangte er zufällig in die Wildnis, wo Rapunzel mit ihren Kindern lebte. Als er ihre Stimme hörte, erkannte er sie sofort. Sie fiel ihm um den Hals, und zwei ihrer Tränen fielen in seine Augen. Plötzlich konnte er wieder sehen – und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.


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Eine Geißenmama hatte sieben kleine Geißlein, die sie sehr liebte und vor dem bösen Wolf beschützte. Eines Tages musste sie losziehen, um Futter zu besorgen. Da rief sie alle ihre Kinder zusammen und sagte: „Liebe Kleinen, ich muss kurz weg, um Essen zu holen. Passt gut auf und lasst auf keinen Fall den Wolf herein! Er ist schlau und gibt sich vielleicht als jemand anderes aus. Aber ihr könnt ihn an seiner rauen Stimme und seinen schwarzen Pfoten erkennen. Wenn er erst einmal im Haus ist, frisst er euch alle auf!“ Dann machte sie sich auf den Weg.

Doch kaum war sie weg, da klopfte es schon an der Tür. „Liebe Kinder, macht auf! Ich bin eure Mama und habe etwas Leckeres für euch mitgebracht!“, rief der Wolf. Aber die sieben Geißlein waren vorsichtig: „Du bist nicht unsere Mama! Ihre Stimme ist sanft und freundlich, deine aber ist rau. Du bist der Wolf! Wir machen nicht auf!“

Der Wolf ging daraufhin zum Supermarkt und kaufte sich ein Stück Kreide, die er aß, um seine Stimme weicher klingen zu lassen. Dann kehrte er zurück und rief mit sanfter Stimme: „Liebe Kinder, lasst mich rein! Ich bin eure Mama, und für jedes von euch habe ich ein Geschenk!“ Doch diesmal legte er seine Pfote ins Fenster. Die Geißlein schauten genau hin: „Du bist nicht unsere Mama! Ihre Pfoten sind nicht schwarz wie deine. Du bist der Wolf! Wir machen nicht auf!“

Wütend ging der Wolf zum Bäcker und sagte: „Bestreich mir meine Pfote mit frischem Teig!“ Als das erledigt war, lief er zum Müller und verlangte: „Streu mir Mehl über meine Pfote!“ Der Müller weigerte sich erst, doch als der Wolf drohte: „Wenn du es nicht tust, fresse ich dich!“, gab der Müller nach.

Nun klopfte der Wolf ein drittes Mal an die Tür: „Liebe Kinder, macht auf! Ich bin eure Mama und habe etwas Schönes für euch!“ Diesmal sahen die Geißlein die weiß bemehlte Pfote und hörten die sanfte Stimme. Sie dachten, es sei wirklich ihre Mama, und öffneten die Tür. Doch als sie den Wolf erkannten, versteckten sie sich schnell: eins unter den Tisch, eins ins Bett, eins in den Ofen, eins in die Küche, eins in den Schrank, eins unter eine große Schüssel und das jüngste in die Standuhr. Der Wolf fand sie jedoch alle – bis auf das kleinste in der Uhr – und verschlang sie.

Als der Wolf satt war, trollte er sich und legte sich auf eine sonnige Wiese, wo er bald einschlief. Kurz darauf kam die Geißenmama zurück. Sie war entsetzt! Der Wolf war da gewesen und hatte ihre Kinder gefressen. Doch dann hüpfte das jüngste Geißlein aus der Uhr und erzählte ihr alles.

Die Mama dachte nicht lange nach: „Hol schnell Nadel, Faden und eine Schere!“, sagte sie zu ihrem Kleinen. Dann gingen sie zur Wiese, wo der Wolf schnarchte. „Da liegt der Übeltäter!“, flüsterte sie. „Vielleicht … vielleicht leben meine Kinder noch in seinem Bauch!“ Sie schnitt vorsichtig seinen Bauch auf – und tatsächlich! Die sechs Geißlein sprangen unversehrt heraus!

Sofort schickte die Mama sie los, schwere Steine zu holen. Damit füllten sie den Bauch des Wolfs und nähten ihn wieder zu. Dann versteckten sie sich hinter einem Busch.

Als der Wolf aufwachte, fühlte er sich seltsam schwer. „Was ist das? Mein Bauch rumpelt und knurrt! Ich habe doch nur sechs Geißlein gegessen“, murmelte er. Durstig trottete er zum Brunnen, um Wasser zu trinken. Doch die Steine zogen ihn nach unten und er plumpste hinein!

Als die sieben Geißlein das sahen, kamen sie hervor und tanzten vor Freude um den Brunnen. Und der böse Wolf? Der war für immer verschwunden!


Im Projekt „Grimm today“ werden die Urtexte der Gebrüder Grimm mittels künstlicher und natürlicher Intelligenz in eine moderne, kindgerechte Sprache gebracht, ohne dass der Inhalt darunter leidet. Eine Übersicht aller bisher angepassten Märchen findest du unter: https://bloeg.li/grimm/inhalt

Die Texte basieren auf den Originalausgaben von 1812 bis 1857, die im Wikisource abrufbar sind. Sie stehen unter der Lizenz CC BY-SA.